Soundtrack für einen lebensbejahrenden (suffizienten) Lebensstil

Suffizienz. Ein furchtbar technisches Wort.
Und ein furchtbar sperriges Prinzip noch dazu.

Dabei geht es ja nur darum: Wir dürfen nicht weiter so leben, wie wenn wir mehr als eine Erde im Gepäck hätten. Und so, wie es zur Zeit läuft, bräuchten wir gleich eine ganze Reihe von Reserve-Erden. Aber auch diese würden wir alle nur kaputt machen, wenn wir so leben, wie wirs tun:

Unser Lebensstil ist ausbeuterisch und ungerecht – gegenüber eines grossen Teils der Menschen im Jetzt, und gegenüber aller Menschen in der Zukunft.

Die Alternative: So leben, dass alle möglichst nicht mehr Ressourcen verbrauchen als den „gerechten Anteil ist“. Das heisst: auf jeden Fall weniger als zur Zeit. Eine nicht so verführerische Botschaft: Sie schadet der Wirtschaft. Und unser „Belohnungszentrum“ im Gehirn rebelliert: Verzichten? Freiwillig abgeben? Aber sicher nicht als Erste, jedenfalls!

Ein an Materiellem genügsamerer Lebensstil ist nicht attraktiv, jedenfalls nicht, wenn man nicht auf einer wie auch immer gearteten „sprituellen Reise“ ist, sondern einfach so ganz normal leben will. Und auch wenn man sich „eigentlich“ dazu entschlossen hat, ist Durchhalten manchmal ganz schön schwer. Wie kann man’s lustvoll, lebensbejahend machen?

Kultur kann helfen. Ein Baustein dazu: Der passende Soundtrack. Die Schwierigkeit: Ich finde fast nur Lieder, die das Problem benennen, ich hätte gerne mehr Lieder auf meiner Playlist, die die schönen Seiten des „suffizienten Lebensstils“ preisen. Wer hilft mir sammeln? Damit „Hüt wert onaniert“ von Knöppel nicht das einzig lustvolle Stück auf der Liste bleibt.

… meine Playlist so far:

https://open.spotify.com/embed/user/117603861/playlist/52wAawWXHnF7Pvnw4C875I

P.S.: Spotify hat leider seine Grenzen. Nicht nur fehlt mit Baby Jails „never change a winning team“ das beste Suffizienz-Lied ALLER ZEITEN, auch der Iisbäremörder von Heinz de Specht ist nicht zu finden. Aber auf Youtube ist es, und erst noch im wunderschönen „Ökobeichtstuhl„-Look:

Ich bin zu schüchtern für „street photography“

Ich würde so gern Strassenszenen fotografieren. Das Gewimmel am Bahnhof zum Beispiel. Mein Pendlerleben photographisch verarbeiten. Aber ich bin viel zu schüchtern, um meine Kamera einfach so auf wildfremde Menschen zu richten. Und nochmal mehr zu schüchtern, um gar vorher zu fragen.

„street photography“ ist eine rechtliche Grauzone. Einzelpersonen in den Mittelpunkt stellen darf man ungefragt nicht, das verletzt das Recht am eigenen Bild. Aber ab wann ist eine Person nicht mehr im Mittelpunkt? Wann gilt die Aufmerksamkeit der Betrachtenden eines Bildes nicht mehr einer Einzelperson?

Beim samstäglichen Photospaziergang durch die Stadt habe ich festgestellt, dass es mir etwas leichter fällt, mit der analogen Kamera so zu fotografieren, dass auch Menschen drauf sind. Die altmodische Kamera signalisiert: Das Bild, das hier entsteht, landet nicht sofort im Internet. Ich muss an meiner alten Practica ziemlich lange herumhantieren, bis Beleuchtung und  Schärfe richtig eingestellt sind; so lange, dass sich niemand mehr gemeint fühlt, bis ich so weit bin.

Dennoch – auch mit der Practica kostet mich schon so etwas ziemlich Überwindung:

Tramblick
Samstag Nachmittag im 13er in Zürich

Gebäude sind für schüchterne Menschen einfacher zu photographieren. Auch wenn man ziemlich auffällt, wenn man minutenlang auf der Insel in der Mitte eines Fussgängerstreifens steht. Ich falle nicht so gern auf.

Kornhaus
Auch das ist Samstag Nachmittag in der Stadt.

Ungefähr so fühle ich mich dann:

Brunnenfigur
Dem nackten Jüngling im Klingenpark ist auch nicht ganz wohl in seiner Haut.

(alle Bilder aufgenommen am 3.2.18, Kamera: Practica LTL 3 / Film: HP5 400 ASA)

Die Jugend war schon immer die heutige

Mittagsgespräch mit dem 15jährigen Sohn, der sich sehr daran stört, wenn „Alte“ über die egoistische und faule Jugend herziehen – sie seien nämlich gar nicht so schlimm, und es sei sowieso schon seit jeher so, dass die Alten mit dem Neuen nicht umgehen können und dann darauf schimpfen und ausserdem sei es normal, dass Adoleszente etwas egoistischer seien, das komme von der Hirnentwicklung und gehe vorbei und sei abgesehen davon auch schon immer so gewesen…

… da erinnerte ich mich daran, dass vor den Sommerferien in der Stadtgärtnerei Zürich ein Netzwerktreffen stattfand, an dem sich Menschen trafen, die in Sachen nachhaltige Ernährung im Raum Zürich aktiv sind – auf Einladung von „Zürich isst„. Dort ist mir aufgefallen, dass es viele junge Menschen gibt, die etwas verändern wollen, etwas bewirken wollen, die sich für eine bessere Gesellschaft einsetzen. Viele von ihnen möchten dies nicht wie „wir“ früher, nicht in Totalopposition tun, sondern haben nichts dagegen, mit der Verwaltung, also dem „Staat“, oder gar mit der Wirtschaft zusammen tun. Die heutige Jugend ist also gar nicht so schlecht, im Gegenteil – und auf jeden Fall nicht durchwegs egoistisch. Also die „Centennials“, die Generation Z, die gibt es tatsächlich.

Wer herausfinden möchte, ob sie/er auch zu dieser aktiven, die Welt verbessernden Generation gehört – Watson hat den Test dazu.

  1. S. 1: Die ältesten Nörgelein an der „heutigen Jugend“ sind übrigens 5000 Jahre alt und auf sumerischen Tontafeln zu finden:
    „Die Jugend achtet das Alter nicht mehr, zeigt bewusst ein ungepflegtes Aussehen, sinnt auf Umsturz, zeigt keine Lernbereitschaft und ist ablehnend gegen übernommene Werte“ 

P.S. 2: Die schönste Formulierung zur Angst der Alten vor dem Neuen kommt von Douglas Adams, aus „The Salmon of Doubt“:
„1. Alles, was es schon gibt, wenn du auf die Welt kommst, ist normal und üblich und gehört zum selbstverständlichen Funktionieren der Welt dazu. 
2. Alles, was zwischen deinem 15. und 35. Lebensjahr erfunden wird, ist neu, aufregend und revolutionär und kann dir vielleicht zu einer beruflichen Laufbahn verhelfen. 
3. Alles, was nach deinem 35. Lebensjahr erfunden wird, richtet sich gegen die natürliche Ordnung der Dinge.“