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Das Digitall

Je länger, je mehr stört es mich, wenn wir vom „digitalen Raum“ sprechen.

Denn der Digitale Raum ist vieles, aber eines ist er nicht: Ein Raum!

  • Ein Raum hat vier Dimensionen. Ja, auch Zeit, Spuren der Zeit sind in Räumen sichtbar: Ein Raum hat eine Geschichte.
  • Ein Raum riecht. Oder stinkt.
  • Ein Raum hat einen Klang. Es hat Dinge und Lebewesen drin, die Geräusche machen, surren, lärmen, zirpen, heulen, quietschen.
  • Ein Raum hat eine Temperatur, oder sogar mehrere. In der Regel sind Räume oben wärmer als unten. Vielleicht zieht es auch.
  • Ein Raum verhält sich zu Licht, er ist hell, sonnendurchflutet, verdunkelt, fensterlos…

Wenn sich Menschen treffen, geschieht dies in der Regel in einem Raum, die Menschen teilen die Raumerfahrung. Treffen sich Menschen im „digitalen Raum“, sehen und hören sie sich zwar, aber sie teilen keine Raumerfahrung. Es sind reale, aber unüberwindlich von einander verschiedene und getrennte Räume.

Die Autorin beim Versuch, sich nicht in den unendlichen Weiten eines Spiegeloktagons zu verlieren.

Die Räume der andern in einer Videokonferenz zu sehen, trennt uns noch mehr voneinander, als wir sowieso schon getrennt sind: Die Distanz ist augenfällig. Wenn wir auf „Meeting verlassen“ drücken, sind wir abrupt in unsere je eigenen Räume zurückgeworfen, die wir gar nie verlassen haben. Diese Distanz zu überwinden ist anstrengend, man muss es bewusst tun, und es braucht viel Fantasie und noch mehr Empathie.

Der Digitale Raum ist unendlich, geruchlos, per se geräuschlos, hat keine Temperatur und kein Licht.

Vielleicht sollten wir folglich besser von Digitall sprechen?

P.S.: Sehr schön nachdenken darüber, was Räume sind, kann man in der Ausstellung „Total Space“ im Museum für Gestaltung, noch bis 20. Juni 2021.

P.P.S.: Der englischsprachige Ausdruck „digital space“ bietet eine schöne Zweideutigkeit an: Raum und Lücke. Beides in einem Wort. Das passt doch ziemlich gut.