Imagine …

Zum 50. Geburtstag von 1968 präsentiert das Landesmuseum unter dem Titel „Imagine 68. Das Spektakel der Revolution“ eine spezielle Auseinandersetzung mit ’68. Sie verspricht ziemlich viel: „Die Collage der beiden Gastkuratoren aus Objekten, Filmen, Fotos, Musik und Kunstwerken macht die Atmosphäre von 1968 sinnlich erlebbar. Die Ausstellung wirft einen umfassenden Blick auf die Kultur dieser Zeit und lässt die Besucherinnen und Besucher durch Warhols Silver Clouds ins Reich der damaligen Fantasien schweben.“ (Homepage Landesmuseum)

Ich bin Jahrgang 1967. Mich mit „1968“ auseinanderzusetzen hat daher auch eine ganz persönliche Ebene: Die Jahre nach 1968 sind die Zeit, in der ich erzogen worden bin. Auch wenn meine Eltern behaupten, ’68 verpasst zu haben, so bin ich doch heute einigem an Kindheitserinnerungen begegnet – und das betrifft nicht nur die Lieblingskinderbüchern (Serafin! Ungerer!) oder Erziehungsstilfragen (ich nenne meine Eltern seit 1968 – oder 69, wann habe ich zu sprechen angefangen, Maria? – beim Vornamen).

Die Ausstellung im Landesmuseum vermittelt tatsächlich wie versprochen nicht so sehr Wissen über 1968, das schon auch (zum Beispiel über die Relevanz des Buches von Guy Debord, „Die Gesellschaft des Spektakels“, das man vielleicht wieder mal lesen sollte, ist wohl immer noch traurig aktuell); aber in erster Linie versucht sie einen in ein Gefühl eintauchen zu lassen. Und das gelingt ihr – vom Beginn weg, wenn man unten an der Treppe steht und bloodhound-Raketen auf sich gerichtet sieht, über die Mitte, wenn man in bubble chairs hängend psychodelische Ausschnitte aus Ende 60er/Anfang 70er Filmen reinziehen kann bis man selber leicht „woanders“ ist, bis hin zum Ende, wenn das bittere Fazit gezogen wird, dass ’68 letztlich auch vereinnahmt und kommerzialisiert und selber zum anfangs kritisierten Spektakel wurde.

Anschliessend an die Ausstellung stand ich dann seltsam irritiert im Museumsshop, wo man allerhand hübsche ’68er-Gadgets hätte kaufen können. Dies und die Tatsache, dass nirgends erklärt wird, um wen es sich bei den beiden Gastkuratoren handelt – nicht alle Museumsbesucher*innen sind eifrige Feuilletonleser*innen, liebes Landesmuseum! – trübte meine Begeisterung leicht. Dennoch: Hingehen! Lohnt sich!

 

 

 

Vom Wundern und Staunen in Kammern

Ich liebe Wunderkammern. Sie lassen mich staunen und träumen von Reisen in andere Welten. Wenn immer mich eine Reise in eine Gegend führt, in der es eine hat, muss ich sie sehen.

Wunderkammern entstanden etwa ab dem 14. Jahrhundert. Es sind Sammlungen von Raritäten und Kuriosa aus Natur, Kunst und Wissenschaft; zusammengetragen und gezeigt mit der Absicht, etwas über die Welt zu verstehen. Betritt man eine Wunderkammer, muss man mit Narwalzähnen, optischen Instrumente, Skarabäen, Kunsthandwerk aus fernen Ländern, medizinischen Präparaten und so weiter rechnen. Wunderkammern gelten als Vorläufer der Museen.

Melle_Drechselkunst
Gedrechseltes zum Staunen in der Wunderkammer Jacob von Melles

Im Lübecker St.-Annen-Museum ist die Wunderkammer von Jacob von Melle zu besichtigen. Von Melle (1659-1743) war Pastor an der Lübecker St. Marien-Kirche und ein Universalgelehrter und Sammler. Seine Sammlung legte den Grundstock für das St. Annen-Museum, das in der Tat immer noch etwas von einer riesengrossen Wunderkammer an sich hat (inklusive obligatorischem Alligator und Kugelfisch in der Alchemistenstube).

In einem Raum des Museums ist die ursprüngliche Melle-Wunderkammer-Sammlung ausgestellt. Sie umfasst vorwiegend Kunst und Kunsthandwerk: Aeyptische Kleinstatuen, römische Vasen, chinesische Porzellanfiguren, die mit der Zunge wackeln, kunstvolle Drechseleien und als Krönung eine astronomische Uhr. Leider sind die einzelnen Objekte überhaupt nicht erklärt, aber das Museumspersonal ist sehr nett und hilfsbereit: An der Museumskasse bekamen wir den Dokumentations-Ordner der MuseumsführerInnen zur Einsicht, der zu allen Objekten Hintergrundinformationen bereithält.

Melle_Uhr
Astronomische Uhr

Wikipedia listet eine Reihe von noch erhaltenen Wunderkammern auf. In der Liste fehlen aber drei wichtige und besonders schöne: Die Wunderkammer Obricht in Berlin, Harrys Hafenbasar in Hamburg und die Wunderkammer im Museum von Swansea (Wales). Alle drei einen Besuch sehr wert!

 

 

Kunst in Strasbourg. Nur ohne Tomi Ungerer.

Ich habe mir zwei Tage frei genommen für eine Allein-Reise. Eigentlich hatte ich geplant, eine Reise in die Vergangenheit zu unternehmen, und das Ungerer-Museum in Strasbourg zu besuchen. Was man halt so macht, wenn man sowas wie eine verspätete Midlife-Crisis schiebt. Denn Tomi Ungerer ist der Lieblingsautor aus meiner Kindheit, alle seine Bilderbücher (allen voran Zeraldas Riese, das Biest des Monsieur Racine und Crictor) waren für mich sehr wichtig und gewiss prägend.  Und nicht zuletzt waren auch seine „anderen Sachen“ eine wichtige Bildungsquelle – so ist mir das „Fornicon“ (bitte selber googeln) in die Hände geraten, als ich meine Lebensjahre noch einstellig zählen konnte. Aber wie es so kommt, ist das Leben manchmal ziemlich ironisch: Das Museum war wegen Streik geschlossen. Und ich wurde auf den Gedanken zurückgeworfen: Ist irgendwie wie 50 sein. Es klappt einfach nicht mehr alles so, wie man es sich vorgestellt hat…

pu* de mer*!!!

Nun denn – mit 50 hat man auch schon etwas Gelassenheit gelernt und sich etwas Anpassungsfähigkeit bewahrt (hoffe ich doch). So habe ich die gesparte Zeit flanierend genutzt und in der Stadt nach Ausdruck künstlerischen Ausdruckswillens gesucht.

Strasbourg ist – gelinde ausgedrückt – eine pittoreske Stadt. Das hat sich offenbar bei ganz, ganz vielen Reiselustigen herumgsprochen. Die meisten davon treiben sich praktischerweise wie überall auf den Hauptgassen und bei den wichtigsten „points of interest“ herum, kaufen Plüschstörche, knipsen malerische Gässchen und Brückchen oder essen Kougelhopf – man kann den Touristen recht gut ausweichen. Allerdings nicht ganz, dafür ist das im Auge des Ansturms gelegene Münster mit seiner Astronomischen Uhr dann doch zu interessant. Zudem bereitet sich Strasbourg auf ein grosses Kunst- und Kulturfest vor, mit zahlreichen Installationen auf öffentlichen Plätzen. Und wenn vor dem Münster auf einmal ein Mammut zu fliegen kommt, ist das schon ziemlich sehenswert:

le mammouth volant s’installe près de la cathédrale

Ich habe auch noch Kunstgeschichtliches gefunden, zum Beispiel das Haus, in dem der grossartige Gustav Doré seine ersten Zeichnungen gemacht hat (an der rue des écrivains, der Schriwerstubgass).

Und zu guter Letzt auch noch nicht-pittoreske Kunst, die viel harmloser tut als sie ist.

ceci n’est que de l’art