to whom it may concern

Manchmal, ja manchmal frage ich mich schon, ob ich es nicht übertreibe. Wenn ich alle und jeden bei jeder sich bietenden Gelegenheit darauf hinweise, dass Vergnügungsreisen mit dem Flugzeug so ungefähr das Schlimmste überhaupt sind. Und wenn dann sehr geschätzte KollegInnen vor mir zu verheimlichen versuchen, dass sie z.B. nach Zypern in die Ferien geflogen sind, ja, spätestens dann kommen mir leichte Zweifel – denn das war ja eigentlich nicht mein Ziel. Ich komme mir dann ein bisschen vor wie der übereifrige junge Mann im Lied von Lo & Leduc, der auch nicht merkt, wann genug ist, und der übers Ziel hinausschiesst. Nur – bei ihm trifft die Katastrophe nur ihn. Beim Klima trifft sie uns alle. Und das war jetzt schon wieder ein kleines bisschen selbstgerecht, ich weiss.

Aber wenn ich dann noch erfahre, dass das neuste Ding bei den jungen Zürcher Partypeople Party  machen in Belgrad sei – der Flug kostet gerade mal 70 Franken, und die Party selber so viel weniger als in Zürich, dass es sich «lohnt» – dann denke ich: Meine Selbstgerechtigkeit ist immer noch die kleinere Untugend als Eure Klimagleichgültigkeit.

Und da ich mir aber trotzdem immer noch ein kleines bisschen vorkomme, wie der übers Ziel hinausschiessende 079-Stürmi, habe ich mal versucht, den Songtext etwas anzupassen.

Et voilà (zu lesen vorzugsweise zum richtigen Soundtrack: https://www.youtube.com/watch?v=QS7HYQvWYt4 ):

 2 Grad zvill

Gäb er wenigschtens en gute Grund a
Per favore
Nja ey
Per favore
Oh, gäbt er wenigschtens
en gute Grund a
Per favore
De gäbs nume no 10 Milione
Usrede, ja

“ich flüg uf Maui” het er gseit
«du weisch ich ha Luscht» het er gseit
Nidmau sorry het er gseit, ey
Und ich frag en ob er wüss – nüt, nüt het er gseit nüt nüt.

«Ich flüg uf Maui» het er geseit
«Du weisch ich ha Luscht» het er gseit
Nidmau sorry het er gseit, ey
Und ich frag en ob er wüss – nüt nüt nüt het her gseit
Yeah.

Er list jede Tag Ziitig und möcht
au e Lösig ha
Wer list hüt no Artikel über s Klima? Vili
Chönds nümme gsee.
Ich dänkt nur no ich und zwei anderi.
Heisst, es änderet sich drümal nüt.
Är chönt uf alls verzichte, alls
Nume ufs Flüge sicher nid.

Gäbt er wenigschtens e gute Grund a
Per favore
Da gäbs nume noch 10 Millione
Uusrede, ja.

Und wenn ich ihm de jede Tag eine vo dene Artikel schick
De chönnts maximal nume sächsehalb Jahr lang ga bisers tscheggt.

“ich flüg uf Maui” het er gseit
«du weisch ich ha Luscht» het er gseit
Nidmau sorry het er gseit, ey
Und ich frag en ob er wüss – nüt, nüt het er gseit nüt nüt.

«Ich flüg uf Maui» het er geseit
«Du weisch ich ha Luscht» het er gseit
Nidmau sorry het er gseit, ey
Und ich frag en ob er wüss – nüt nüt nüt het her gseit nütt nütt

Und ich bin sit Jahre scho
gfühlt im falsche Film
Und am Schluss bliibt tatsächlich
Numeno wenig Hoffning, numeno wenig
Und woni mich a der heb
mit zittrige Finger
Und ich bi sicher,
es muss doch möglich si

Gseni plötzlich das alls verbi isch
Vor luter Flüge gsends d Folge nid
Händ no wele brämsä aber es langt
Lang nid
D Lüüt renned und alles verlangsamt sich

«2 Grad zvil» hend si gseit
«Wie isch das nume passiert?» hei si geseit
«Huere Siech», hend si gseit, ja
Und sie schreied nach de Politik «hie hie hie» hend sie gseit, «hie hie»

«2 Grad zvil» hend si gsei
«Wie isch das nume passiert?», hei si gseit
«Huere Siech» hei si gseit, ja
Und si winked de Politik, «hie hie hie», hend si gseit, «hie hie»

Imagine …

Zum 50. Geburtstag von 1968 präsentiert das Landesmuseum unter dem Titel „Imagine 68. Das Spektakel der Revolution“ eine spezielle Auseinandersetzung mit ’68. Sie verspricht ziemlich viel: „Die Collage der beiden Gastkuratoren aus Objekten, Filmen, Fotos, Musik und Kunstwerken macht die Atmosphäre von 1968 sinnlich erlebbar. Die Ausstellung wirft einen umfassenden Blick auf die Kultur dieser Zeit und lässt die Besucherinnen und Besucher durch Warhols Silver Clouds ins Reich der damaligen Fantasien schweben.“ (Homepage Landesmuseum)

Ich bin Jahrgang 1967. Mich mit „1968“ auseinanderzusetzen hat daher auch eine ganz persönliche Ebene: Die Jahre nach 1968 sind die Zeit, in der ich erzogen worden bin. Auch wenn meine Eltern behaupten, ’68 verpasst zu haben, so bin ich doch heute einigem an Kindheitserinnerungen begegnet – und das betrifft nicht nur die Lieblingskinderbüchern (Serafin! Ungerer!) oder Erziehungsstilfragen (ich nenne meine Eltern seit 1968 – oder 69, wann habe ich zu sprechen angefangen, Maria? – beim Vornamen).

Die Ausstellung im Landesmuseum vermittelt tatsächlich wie versprochen nicht so sehr Wissen über 1968, das schon auch (zum Beispiel über die Relevanz des Buches von Guy Debord, „Die Gesellschaft des Spektakels“, das man vielleicht wieder mal lesen sollte, ist wohl immer noch traurig aktuell); aber in erster Linie versucht sie einen in ein Gefühl eintauchen zu lassen. Und das gelingt ihr – vom Beginn weg, wenn man unten an der Treppe steht und bloodhound-Raketen auf sich gerichtet sieht, über die Mitte, wenn man in bubble chairs hängend psychodelische Ausschnitte aus Ende 60er/Anfang 70er Filmen reinziehen kann bis man selber leicht „woanders“ ist, bis hin zum Ende, wenn das bittere Fazit gezogen wird, dass ’68 letztlich auch vereinnahmt und kommerzialisiert und selber zum anfangs kritisierten Spektakel wurde.

Anschliessend an die Ausstellung stand ich dann seltsam irritiert im Museumsshop, wo man allerhand hübsche ’68er-Gadgets hätte kaufen können. Dies und die Tatsache, dass nirgends erklärt wird, um wen es sich bei den beiden Gastkuratoren handelt – nicht alle Museumsbesucher*innen sind eifrige Feuilletonleser*innen, liebes Landesmuseum! – trübte meine Begeisterung leicht. Dennoch: Hingehen! Lohnt sich!

 

 

 

Fundstück – Fragment für einen Slamtext

Beim Aufräumen bin ich über ein Textfragment gestossen, den Anfang zu einem längeren Stück, den ich vor vier Jahren geschrieben habe – ich hatte diese Idee, mal an einem Slam teilzunehmen, habe einen Text angefangen und dann beschlossen, dass ich mich doch nicht trau‘.

Aber das Textfragment hier reinzustellen trau ich mich. Ist vom März 2014 und bildet leider mein Lebensgefühl immer noch ganz gut ab:

„Was erwartet ihr jetzt, wenn ich so dasteh’ – midlife-crisis-Mama hat einen creative writing Workshop gebucht, hätte auch Scrapbooking sein können oder etwas mit Design, so shabby chic-Restauration von überteuert gekauften wurmstichigen Möbeln, aber dieser Kurs wäre am Mittwoch Abend gewesen. Und dann ist jeweils „Mädelsabend“.
Es ist alles noch viel schlimmer, der Schein trügt. Er trügt immer, es ist immer viel, viel unsäglicher als erwartet, eigentlich bin ich ein Punk so innen drin, aber Punk ist so vorbei, und es ist auch nicht so Punk, in Erinnerungen an die gute alte Zeit zu schwelgen, sich zu freuen darüber, dass die Lieblingsband von früher immer noch systemkritische Texte schreibt in denen sich „unsympathisch“ auf „Soldat isch“ reimt.
Es ist alles noch viel schlimmer. Wir sind so brav, sammeln Abfall, in der DDR gab es ein schönes Wort dafür, SERO, Sekundär-Rohstoffe, hilfloser Versuch, etwas schönzureden, wir kompensieren unsere Ferienflüge CO2-mässig, passt schon, diese Flüge sind ja selber voll die Kompensation, wir haben so hart gearbeitet und das Geld brav in eine Solaranlage gesteckt, da haben wir Erholung verdient, eine Reise in ein Land, indem nicht alles so hektisch ist und dann brüskieren die Burmesen unser ökologisches Gewissen und lassen massenhaft Abfall am Strand rumliegen.
Wir sind so umweltbewusst, nachhaltig, achtsam und alles, und doch ist alles immer noch viel schlimmer.“

Soundtrack für einen lebensbejahrenden (suffizienten) Lebensstil

Suffizienz. Ein furchtbar technisches Wort.
Und ein furchtbar sperriges Prinzip noch dazu.

Dabei geht es ja nur darum: Wir dürfen nicht weiter so leben, wie wenn wir mehr als eine Erde im Gepäck hätten. Und so, wie es zur Zeit läuft, bräuchten wir gleich eine ganze Reihe von Reserve-Erden. Aber auch diese würden wir alle nur kaputt machen, wenn wir so leben, wie wirs tun:

Unser Lebensstil ist ausbeuterisch und ungerecht – gegenüber eines grossen Teils der Menschen im Jetzt, und gegenüber aller Menschen in der Zukunft.

Die Alternative: So leben, dass alle möglichst nicht mehr Ressourcen verbrauchen als den „gerechten Anteil ist“. Das heisst: auf jeden Fall weniger als zur Zeit. Eine nicht so verführerische Botschaft: Sie schadet der Wirtschaft. Und unser „Belohnungszentrum“ im Gehirn rebelliert: Verzichten? Freiwillig abgeben? Aber sicher nicht als Erste, jedenfalls!

Ein an Materiellem genügsamerer Lebensstil ist nicht attraktiv, jedenfalls nicht, wenn man nicht auf einer wie auch immer gearteten „sprituellen Reise“ ist, sondern einfach so ganz normal leben will. Und auch wenn man sich „eigentlich“ dazu entschlossen hat, ist Durchhalten manchmal ganz schön schwer. Wie kann man’s lustvoll, lebensbejahend machen?

Kultur kann helfen. Ein Baustein dazu: Der passende Soundtrack. Die Schwierigkeit: Ich finde fast nur Lieder, die das Problem benennen, ich hätte gerne mehr Lieder auf meiner Playlist, die die schönen Seiten des „suffizienten Lebensstils“ preisen. Wer hilft mir sammeln? Damit „Hüt wert onaniert“ von Knöppel nicht das einzig lustvolle Stück auf der Liste bleibt.

… meine Playlist so far:

https://open.spotify.com/embed/user/117603861/playlist/52wAawWXHnF7Pvnw4C875I

P.S.: Spotify hat leider seine Grenzen. Nicht nur fehlt mit Baby Jails „never change a winning team“ das beste Suffizienz-Lied ALLER ZEITEN, auch der Iisbäremörder von Heinz de Specht ist nicht zu finden. Aber auf Youtube ist es, und erst noch im wunderschönen „Ökobeichtstuhl„-Look: