Archiv für den Monat November 2022

mutter ist nicht mein Pronomen

Seit Wochen tu‘ ich mich schwer: Ich möchte gerne meine Pronomen in meine div. online-Bios schreiben. Immer wieder editiere ich meine Profile, schreibe sie/she – und lösche es dann wieder. Ich fühle mich nicht wohl damit, es beschreibt mich irgendwie nicht ausreichend.

Es stört mich zwar nicht, wenn mich Menschen „sie“ nennen, ich bin auch einigermassen im Reinen mit meinem angeborenen Körper. Na ja, so sehr im Reinen, wie ich es als weiblich gelesener, nicht normschöner und in den 70ern auf dem Land als Frau sozialisierter Mensch eben sein kann, jedenfalls. Mein Körper war dreimal schwanger, hat drei Säuglinge gestillt und das war gut so. Ich will keinen andern, ich hab‘ den halt und finde es in Ordnung so (-> „ok with default“).

Aber sie/she SELBER über mich schreiben? So als erstes Hauptmerkmal? Das fühlt sich falsch an.

Diesen Sommer hat nun einer der Sprösslinge in meiner Hörweite Freund:innen gegenüber von „my mom“ gesprochen – das hat sich SO DERMASSEN falsch angefühlt, ich hätte fast reingerufen: Bitte nicht! Ich identifizere mich nicht mit „Mama“, respektive nicht mit dem, was da alles so an gesellschaftlichen Erwartungen dranhängt. Ich habe (inzwischen erwachsene) Kinder, ja; drei Stück sogar, und zwar (meistens) gern. Ich bin deren biologische Mutter und habe sie als eins von zwei Elternteilen mit auf- und erzogen. Aber „Mama“ – nein, das beschreibt mich nicht. Mama reduziert mich auf ein Set von erwartetem Verhaltens- und Interessenrepertoire. Das ich nicht erfülle und nicht erfüllen will.

mutter ist nicht mein Pronomen.

Das hätten wir also schon mal. Aber fast genauso falsch wie „Mama“ als Haupteigenschaft auf mich zu beziehen fühlt es sich auch an, sie/she als erstes (!) in meine Profil-Bios zu schreiben. So falsch, wie wenn mich einer fragt: „sag mal, du als Frau… kannst du mir mal erklären, warum Frauen sich so oder so verhalten…“ Denn ich habe keine Ahnung, was das bedeuten soll; denn dass ich eine Frau bin, ist nicht das, was für mein Ich-Gefühl die relevanteste Kategorie ist. Da sind andere Eigenschaften gefühlt viel relevanter. Alter, Klasse, links sein, Interessen zum Beispiel. „Ich als Frau…“ ist nur dann eine relevante Kategorie, wenn ich auf Grund meiner nicht-Zugehörigkeit zum männlichen Geschlecht/Gender diskriminiert werde (darum bin ich Feministin).

Ich hab‘ jetzt „used to she“ geschrieben.

Auf reddit habe ich kürzlich den schönen Satz gelesen: „My pronouns are no pronouns, because I do not want to participate in „Gender“. Ich will bei diesem Genderding auch nicht mitmachen; ich kämpfe gegen Genderstereotype seit ich fünf Jahre alt bin und mir im Kindergarten einen Platz an der Modelleisenbahn erarbeitet habe (das war im Fall nicht einfach! 1972!).

Vielleicht hätte ich ja auch lieber gar keine Pronomen.