Halbzeit bei „Seitentriebe“ und ein enttäuschter Fan

Ich bin ja vor Kurzem in der zweiten Hälfte meines ersten Jahrhunderts angelangt und habe daher beschlossen, dass ich das mit der midlifecrisis hinter mir gelassen habe. Mein neues Lebensziel: Eine wilde Alte werden. Da ich mich noch nicht so alt fühle, wie ich bin, habe ich dafür noch lange Zeit, aber mit der Vorbereitung fange ich schon mal an – und dazu gehört, dass die Darstellung alter Frauen in Medien und Öffentlichkeit ein Thema geworden ist, das meine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen beginnt.

Als grosser Güzin-Kar-Fan habe ich mich auf ihre Serie „Seitentriebe“ gefreut. Und ich habe mich ausserordentlich gefreut, dass mit Clara eine wilde Alte eine Rolle spielt. Gut, sie ist jetzt nicht unbedingt in jeder Hinsicht ein taugliches Vorbild. Aber im Fernsehen eine Frau zu zeigen, kurz vor der Pensionierung, die gut aussieht, lebenslustig ist, und ihren Freundinnen mittels einer reichlich feuchten Papaya (Schmatzgeräusche!) erklärt, wie frau erfolgreich masturbiert – das hat schon Stil und Seltenheitswert.

Clara verwöhnt eine Papaya

Aber Clara begnügt sich nicht mit Fruchtsalat, sie steht auf junge Männer. Auf sehr viele junge Männer. Und ihr braver Mann weiss nichts davon…

Und dann hat mich „Seitentriebe“ sehr, sehr enttäuscht. Wie kann man bloss! Auf Claras Fehlverhalten steht: Die Todesstrafe. Zum Ende der 3. von 8 Folgen wird sie aus der Serie mittels eines Autounfalls rausgeschrieben. Fertig lustig mit der unartigen Alten.

Auf Twitter schrieb Güzin Kar nach der No-Billag-Abstimmung: „Liebe #NoBillag-Anhänger. Ihr könnt jetzt aufhören, unter jedes Interview mit mir und jede Rezension unserer Serie „Für so einen Mist muss ich Billag bezahlen“ zu schreiben, sondern wieder zu den normalen frauenfeindlichen Sprüchen übergehen.“ So schreibe ich zur Abwechslung: Alte unartige Frauen mit der Todesstrafe zu belegen ist auch nicht gerade frauenfreundlich! Das ist altweiberfeindlich!

(Aber sonst finde ich die Serie lustig, und ziemlich gemein, weil ziemlich treffend, im Fall.)

(Disclaimer: Dieser Text ist eine Polemik und hat einen sarkastischen Unterton – falls das nicht für alle LeserInnen offensichtlich sein sollte.)

Alte Bücher lesen: Victor Hugo, Die Arbeiter des Meeres

Ich lese nicht nur Neuerscheinungen, sondern regelmässig auch Bücher, die schon etwas älter, gern auch mehrere hundert Jahre alt sind. Wenn man Abenteuergeschichten gerne mag, hat man auch gar keine andere Wahl.

Von den alten Büchern kommt man fast nur an die heran, die sich „bewährt“ haben, die Eintagsfliegen sind, anders als bei Neuerscheinungen, schon aussortiert. Innerhalb dieser Vorsortierung gibt es aber immer noch viele Entdeckungen zu machen, die alles andere als langweilige Klassiker sind. Und manchmal liegen die Entdeckungen unmittelbar neben den bekannten Klassikern.

Victor Hugo hat sehr viel geschrieben, darunter zwei sehr bekannte Romane: Notre-Dame von Paris (der mit dem Glöckner) und Les Misérables. Weniger bekannt ist, das beide Romane Teil einer Trilogie sind, die die Themen Religion, Gesellschaft und Natur behandeln, denn diese sind „die drei Mächte, mit denen der Mensch zu ringen hat und die zugleich auch seine drei Notwendigkeiten bedeuten“, wie im Vorwort zu „Die Arbeiter des Meeres“, dem dritten Roman der Trilogie, steht.

„Die Arbeiter des Meeres“ ist der erste Roman von Hugo, den ich gelesen habe.  (Ich hab’s ja nicht so mit dem Naheliegenden.) Er erzählt die Geschichte des Revolutionsflüchtlingskindes Gilliat, eines Fischers aus Guernsey, der in einem heroisch-herkulischen Kraftakt den Motor aus einem schiffbrüchig gewordenen Dampfschiff rettet und einem noch heroischeren Akt auf die versprochene Ehe mit der entzückenden Tochter des Schiffseigners verzichtet.

Der Roman ist kürzlich im Mare-Verlag in einer sehr schönen Ausgabe neu verlegt worden und ist, wenn man das Meer liebt und grosszügig über Hugos inzwischen etwas überholtes Frauenbild hinwegsieht (es kommen zum Glück kaum Frauen vor!), ein grosser Lesegenuss. Man taucht ein in  die seitenlangen Schilderungen der Stürme, der Höhlen – über Seiten hinweg auf eine Art beschrieben, dass man beim Lesen nachvollziehen kann, wie sich die Augen langsam an die Dunkelheit gewöhnen -, der inneren Verfassung des mit der Natur ringenden Gilliat. Die Sprache versucht das klippenreiche Meer vor Guernsey darzustellen, ist mal abgehackt in ganz kurzen Sätzen, mal langsam und ruhig, mal schnell und wild.

Und, ganz nebenbei, habe ich gelernt, dass Jacques Cousteaus ikonische rote Wollmütze ein traditionelles Kleidungsstück ist. Eine solche gehörte nämlich schon zu Hugos Zeiten zur Seemannskleidung: „Gilliat trug seine Seemannskleider: Wollhemd und Wollstrümpfe, genagelte Schuhe, Strickjacke, Hosen aus dickem Filzstoff und eine rote Wollmütze auf dem Kopf, die bei den Seeleuten gebräuchlich war und zur damaligen Zeit galérienne („Frau des Galeerensträflings“) hiess.“ (S. 256).

Wie damals, als ich noch pädagogisch wertvolle Jugendbücher lesen musste (Juli Zeh: Leere Herzen)

Der mit Tempo erzählte Thriller „Leere Herzen“ von Juli Zeh war eine spannende Lektüre (wenn auch der Plot ein kleines bisschen abgeschmackt ist). Auch hatte ich immer wieder das Gefühl, persönlich ertappt worden zu sein von der Schilderung dieses Lebens in der nahen Zukunft (von der Milieustudie zweier saturierter, pragmatischer, abgelöschter Familien gleich zu Beginn zum Beispiel – Manufactum-Fans, autsch!), in der Gleichgültigkeit der Politik gegenüber und dadurch die NationalistInnen die Macht übernommen haben. Dennoch mag mich „Leere Herzen“nicht zu überzeugen – hätte ich mal vorher die Rezensionen gelesen, ich hätte mir die Lektüre vermutlich gespart:

„Das Feuilleton“ ist sich zwar nicht einig, warum genau der Roman nicht gut ist, aber in ihrer Nicht-Begeisterung sind sich die RezensentInnen weitgehend einig. Die einen kritisieren die zu blumige Sprache (FAZ), die anderen die zu einfallslose Erzählweise (Zeit). Für die einen einen hält der Thriller die Geschichte nicht zusammen (Spiegel) oder die Geschichte ist nur „streckenweise“ spannend (Süddeutsche), den anderen ist die Nahzeitdystopie zwar interessant, aber zu wenig ausgebaut (FAZ). Die WoZ findet die Hauptfigur unglaubwürdig, und für die taz ist der ganze Roman schlicht überkonstruiert und unerträglich pathetisch. Einzig vom Tagi gab es keinen Verriss, sondern Lob („Juli Zeh kann erzählen, und wie!“ – besonders differenziert ist das aber nicht, ich glaube, dem Rezensenten gefällt vor allem die „toughe Autorin“…).

Der Roman hinterlässt auch bei mir einen ziemlich schalen Nachgeschmack: Die Geschichte ist der Botschaft untergeordnet. Das mag ich nicht. Ich will nicht pädagogisch behandelt werden, Pamphlete oder Appelle sollen solche sein, und sich nicht in einen spannenden (?) Thriller verpackt in meinen Kopf geschmuggelt werden. Da fühle ich mich manipuliert, das konnte ich schon vor vierzig Jahren nicht leiden, als wir in der Schule „pädagogisch wertvolle Jugendbücher“ lesen mussten.

(1) Wohl zu keinem Buch bisher habe ich so viele Rezensionen gelesen (wenn auch leider erst hinterher) – ich hatte mir SO SEHR vorgenommen, Juli Zeh und ihre Bücher zu mögen – eine Frau! die politisch Stellung nimmt! -, dass ich lange suchte, um vielleicht doch noch eine Rezension zu finden, die mir dabei hilft…
Hier sind sie:
 Spiegel / FAZ / Süddeutsche / Zeit /taz / Tages-Anzeiger / WoZ

Soundtrack für einen lebensbejahrenden (suffizienten) Lebensstil

Suffizienz. Ein furchtbar technisches Wort.
Und ein furchtbar sperriges Prinzip noch dazu.

Dabei geht es ja nur darum: Wir dürfen nicht weiter so leben, wie wenn wir mehr als eine Erde im Gepäck hätten. Und so, wie es zur Zeit läuft, bräuchten wir gleich eine ganze Reihe von Reserve-Erden. Aber auch diese würden wir alle nur kaputt machen, wenn wir so leben, wie wirs tun:

Unser Lebensstil ist ausbeuterisch und ungerecht – gegenüber eines grossen Teils der Menschen im Jetzt, und gegenüber aller Menschen in der Zukunft.

Die Alternative: So leben, dass alle möglichst nicht mehr Ressourcen verbrauchen als den „gerechten Anteil ist“. Das heisst: auf jeden Fall weniger als zur Zeit. Eine nicht so verführerische Botschaft: Sie schadet der Wirtschaft. Und unser „Belohnungszentrum“ im Gehirn rebelliert: Verzichten? Freiwillig abgeben? Aber sicher nicht als Erste, jedenfalls!

Ein an Materiellem genügsamerer Lebensstil ist nicht attraktiv, jedenfalls nicht, wenn man nicht auf einer wie auch immer gearteten „sprituellen Reise“ ist, sondern einfach so ganz normal leben will. Und auch wenn man sich „eigentlich“ dazu entschlossen hat, ist Durchhalten manchmal ganz schön schwer. Wie kann man’s lustvoll, lebensbejahend machen?

Kultur kann helfen. Ein Baustein dazu: Der passende Soundtrack. Die Schwierigkeit: Ich finde fast nur Lieder, die das Problem benennen, ich hätte gerne mehr Lieder auf meiner Playlist, die die schönen Seiten des „suffizienten Lebensstils“ preisen. Wer hilft mir sammeln? Damit „Hüt wert onaniert“ von Knöppel nicht das einzig lustvolle Stück auf der Liste bleibt.

… meine Playlist so far:

https://open.spotify.com/embed/user/117603861/playlist/52wAawWXHnF7Pvnw4C875I

P.S.: Spotify hat leider seine Grenzen. Nicht nur fehlt mit Baby Jails „never change a winning team“ das beste Suffizienz-Lied ALLER ZEITEN, auch der Iisbäremörder von Heinz de Specht ist nicht zu finden. Aber auf Youtube ist es, und erst noch im wunderschönen „Ökobeichtstuhl„-Look:

Ich bin zu schüchtern für „street photography“

Ich würde so gern Strassenszenen fotografieren. Das Gewimmel am Bahnhof zum Beispiel. Mein Pendlerleben photographisch verarbeiten. Aber ich bin viel zu schüchtern, um meine Kamera einfach so auf wildfremde Menschen zu richten. Und nochmal mehr zu schüchtern, um gar vorher zu fragen.

„street photography“ ist eine rechtliche Grauzone. Einzelpersonen in den Mittelpunkt stellen darf man ungefragt nicht, das verletzt das Recht am eigenen Bild. Aber ab wann ist eine Person nicht mehr im Mittelpunkt? Wann gilt die Aufmerksamkeit der Betrachtenden eines Bildes nicht mehr einer Einzelperson?

Beim samstäglichen Photospaziergang durch die Stadt habe ich festgestellt, dass es mir etwas leichter fällt, mit der analogen Kamera so zu fotografieren, dass auch Menschen drauf sind. Die altmodische Kamera signalisiert: Das Bild, das hier entsteht, landet nicht sofort im Internet. Ich muss an meiner alten Practica ziemlich lange herumhantieren, bis Beleuchtung und  Schärfe richtig eingestellt sind; so lange, dass sich niemand mehr gemeint fühlt, bis ich so weit bin.

Dennoch – auch mit der Practica kostet mich schon so etwas ziemlich Überwindung:

Tramblick
Samstag Nachmittag im 13er in Zürich

Gebäude sind für schüchterne Menschen einfacher zu photographieren. Auch wenn man ziemlich auffällt, wenn man minutenlang auf der Insel in der Mitte eines Fussgängerstreifens steht. Ich falle nicht so gern auf.

Kornhaus
Auch das ist Samstag Nachmittag in der Stadt.

Ungefähr so fühle ich mich dann:

Brunnenfigur
Dem nackten Jüngling im Klingenpark ist auch nicht ganz wohl in seiner Haut.

(alle Bilder aufgenommen am 3.2.18, Kamera: Practica LTL 3 / Film: HP5 400 ASA)

Franzobel: Das Floss der Medusa

Ich mag keine historischen Romane. Ich mag diese falsche Nähe nicht, die in historischen Romanen erzeugt wird, dieses Pseudo-Dabeisein-Können weckt in mir Unbehagen. Ich finde es falsch.

Und darum mag ich Franzobels Art, diese zweihundert Jahre alte Geschichte einer Katastrophe zu erzählen. Franzobels Erzählperspektive ist die eines allwissenden Erzählers, aber eines, der sich seiner selbst bewusst ist. Immer wieder sind kleine Verfremdungen eingestreut, (z.B.: „Deeskalieren würde man das heute nennen, aber 1816 war noch niemand psychologisch geschult, …“, S. 330).

Die Verfremdungen – alle paar Dutzend Seiten eine, also sparsam dosiert, sie verkommen nicht zur Masche – haben auf mich noch eine weitere Wirkung: Ich bin mir beim Lesen bewusst, dass sich hier einer die Mühe nimmt, mir eine Geschichte zu erzählen. Ich fühle mich angesprochener und als Leserin wertgeschätzt. Diese Einwürfe haben etwas Mündliches an sich.Ein Geschichtenerzähler, eine Geschichtenerzählerin, die eine Geschichte mündlich einem anwesenden Publikum erzählt, muss sich zwar nicht in Erinnerung rufen, da sie/er sicht- und hörbar anwesend bleibt. In einem Roman ist der, der die Geschichte erzählt, nur in solchen Einwürfen anwesend. Und beide, ob ab- oder anwesend, verweisen, wollen sie das Publikum nah an die Geschichte bringen, auf die Lebens- und Erfahrungswelt des Publikums.

Der Roman erzählt die Geschichte einer Katastrophe mit Anlauf, eine Schiffsreise, die auf einem Schiff beginnt, das von einem von komplett unfähigen Kapitän befehligt wird, der von der korrupten französischen adligen Marine an die Macht gehievten wurde. Die Reise gipfelt in einem Schiffbruch, den Teile der Besatzung und der Passagiere zwar hat kommen sehen, aber verstrickt in Adelsgesellschaft und Gehorsam nicht zu verhindert wagte, und der brutalsten Überlebenskampf nach sich zieht – und endet mit Verleugnen, Vertuschen und mundtot machen der Überlebenden.

Grösstenteils ist die Geschichte aus der Perspektive des Schiffjungen Viktor erzählt, der historisch nicht belegt ist – auch das ein erzählerischer Entscheid, der verhindert, dass „Das Floss der Medusa“ ein historischer Roman ist. Denn so ist die Erzählung trotz der extremen Faktentreue – soweit die Fakten bekannt sind – ganz klar eine Dichtung und spielt nie Wirklichkeit vor. Der Roman wechselt ab und zu in die Perspektive des Schiffsarztes Savigny, zu Beginn noch spärlich, gegen Ende immer häufiger. Von Savigny gibt es einen Bericht über die Katastrophe, also genug O-Ton-Material, um ohne zu „histörelen“ aus dessen Perspektive berichten zu können.

Die Fakten zur Katastrophe gibt es auf Wikipedia (https://de.wikipedia.org/wiki/Méduse ), die Stimmung dazu bei Franzobel.

Franz Hohler: Das Päckchen

Ich hatte mich sehr auf dieses Buch gefreut. Franz Hohler ist ein wunderbarer Erzähler, die Geschichte dreht sich um ein althochdeutsches Buch – für mich als studierte Mediävistin (OK, Germanistik nur im Nebenfach) natürlich ein interessantes Thema. Und es ist nicht einfach irgendein altes Buch, sondern das älteste Buch in deutscher Sprache, das lateinisch-althochdeutsche Wörterbuch „Abrogans„.

Es sind zwei Geschichten: Ein junger Novize bringt ein Wörterbuch zu Pergament, reist damit in Richtung Italien und erlebt so allerlei Mittelalterliches unterwegs. Und ein nicht mehr ganz so junger Bibliothekar aus dem 21. Jahrhundert gerät das Buch zufällig (?) in die Hände – worauf er der der Reisegeschichte des Buches in Bern und den Alpen auf den Grund geht, in bibliothekarartiger Bescheidenheit („abrogans“ heisst denn auch „bescheiden“).

Eine schön erzählte Doppelgeschichte, die mich aber mit einem ratlosen, etwas leeren und auch enttäuschten Gefühl zurückgelassen hat: Sie ist zu glatt. Zu viel beiläufig und sehr präzis eingearbeiteter Lokalkolorit, zu brave, korrekte Figuren, sogar die Brüche in den Figuren sind politisch korrekt: Der Novize lehnt sich gegen das Zölibat auf, der Bibliothekar hintersinnt sich, weil er lügt, er lebt in einer politisch korrekten Ehe und übernimmt seinen Teil an der Familienarbeit. Keine einzige Überraschung, alles genau so, wie man es von Hohler erwartet. Alles eigentlich ziemlich langweilig.