Internetnostalgie

Ironie des Schicksals: Da wollte ich für meinen Blog einen langen nostalgischen Text schreiben darüber, dass ich mein altes freies wildes Internet zurückhaben will, als meine Website noch auf geocities war und wir noch viel „von Hand“ geschrieben haben – also damit meine ich HTML -, und das dann noch mit biz Netzneutralität, E-ID-Kritik etc. garnieren…
… da zerschiesst mir das neuste WordPress-update meinen Blog komplett…  alles weg!

Na dann, fummle ich halt nicht mehr auf dem eigenen Server mit einer WP-Installation rum, sondern nehme das vorgefertigte Angebot und starte nochmal neu. Interessanterweise ist über RSS einiges noch abrufbar, die mir wichtigsten Texte werde ich daher zu retten versuchen.

Angefangen zu „bloggen“ habe ich ca. 1998, so genau weiss ich das gar nicht mehr. Öffentliches Tagebuch auf meiner geocities-Seite, fortlaufendes HTML, ohne Kommentarfunktion. Nur mit Gästebuch. In der Zeit habe ich als „webmaster“ gearbeitet und die erste Homepage der SP Schweiz geschrieben. Ich hatte Ende 1996 zu dem Job ja gesagt, bevor ich überhaupt das erste Mal im WWW war – aber nach einer ganznächtlichen Einführung ins WWW (Netscape) und in HTML wollte ich dort WOHNEN. Neuland war es mir ein paar Stunden, danach Zukunft, Spielplatz, Tor zur Welt.

Später dann, so um 2002 herum muss das gewesen sein, habe ich dann als junge handarbeitende Mutter die Internet-Strick-und-Nähcommunity entdeckt. Da ging mir aber eine Welt auf, hallo! Ganz viele berufstätige, aktive, emanzipierte Frauen WIE ICH, die aber dennoch gerne nähen und stricken, WIE ICH, und auch noch darüber schreiben… So startete auch ich einen Handarbeitsblog und reihte mich ein in die grosse, weltweite Blogwelt, unter dem Nick „lismeta“. Fand ich total klug damals, ein Kofferwort aus „lismen“, also stricken, und „meta“, also über. Übers stricken schreiben.

Spuren dieses Blogs sind noch zu finden, dank der way back machine: https://web.archive.org/web/*/myblog.de/lismeta

Dann kam Ravelry. Das ist „Facebook für Stricken“, und damit hatte sich das Strickbloggen für mich bald erledigt. Aber nach wie vor ist das öffentliche Schreiben für mich, wenn auch nur sporadisch gepflegt, ein gutes Mittel, um Gedanken zu sortieren. „Arbeit am Text ist Arbeit am Gedanken“, lautete früher mal ein NZZ-Werbeslogan (heute arbeitet die NZZ ja mehr an vorgefassten Thesen als an Gedanken, aber ich schweife ab…), und wenn ein Text öffentlich wird, wird die Arbeit sorgfältiger.

Darum kann mir Blog um Blog abstürzen, viele LeserInnen brauche ich auch nicht, dieses Logbuch gibt es, weil es geschrieben, nicht weil es gelesen werden will. Ich denke mal, das ist bei den meisten Blogs so.

Petri Tamminen: Meeresroman

Ich lese ziemlich viel. Und immer bin ich auf der Suche nach dem Gefühl, das einen packt, wenn man in eine Geschichte, eine Sprache, einen Text so richtig eintaucht. Das kommt nicht allzu oft vor, aber sind die Bücher, an die ich mich noch lange erinnere.

Ein solches Buch ist der „Meeresroman“ von Petri Tamminen. Ein lakonisch geschriebener, nicht besonders dicker Roman über einen Kapitän, der vom Seeglück nicht direkt verfolgt wird. Ein Buch, das mich dazu gebracht hat, langsam zu lesen – und danach habe ich mich zufrieden und ganz ruhig gefühlt. Ein schönes Buch, ein schönes Leseerlebnis!

Petri Tamminen: Meeresroman. Mare Verlag Hamburg, 2017