Von Glöckchenmenschen

Die Leitgeschichte der aktuellen Ausgabe des Magazins der Süddeutschen Zeitung wirft in den Kommentaren einige Wellen: Es geht um die „unsichtbare Frau“ (hinter der Paywall). Die Autorin Susanne Schneider beschreibt, wie mit dem Alter ihr Wahrgenommen-Werden nachlässt. Ihr Alter macht sie unsichtbar.

Das ist überhaupt kein neues Thema. Das schreibt die Autorin auch selber, sie hat ihre Hausaufgaben gemacht, so verweist sie z.B. auf den Film „Giulias Verschwinden„, und auf Susan Sonntags grossartigen Text „double standard of aging“ von 1972.  So gesehen erfahren wir im Artikel gar nichts Neues, ausser der Tatsache, dass die Autorin Schiss hat vor dem Älterwerden. Der Artikel hat also auf den ersten Blick ziemlich viele Punkte auf der #mimimi-Skala.

Darüber hinaus übersieht Susanne Schneider einen wichtigen Punkt: Das langsame Verschwinden mit dem Alter, das kennen in dieser Deutlichkeit nur Glöckchenmenschen.  Offenbar ist Schneider eine solche Glöckchenfrau. Glöckchenmenschen sind solche, deren Attraktivität dazu führt, dass sie überdurchschnittlich viel Aufmerksamkeit abbekommen. Ihre Umgebung reagiert reflexartig auf diese Attraktivität mit Aufmerksamkeit, genau so wie Pavlovs Hund aufs Glöckchen. Es gibt keinen Grund für diese Aufmerksamkeit, nur den Auslöser Attraktivität. Glöckchenmenschen müssen sich nicht anstrengen, um wahrgenommen zu werden.

Ein schöne-Menschen Problem also, das mit dem langsamen Verschwinden mit dem Alter? Es ist halt doch vor allem: Ein schöne-Frauen-Problem.  Ein Doppelstandardproblem. Und damit gesellschaftlich relevant, es ist kein rein persönliches, individuelles #mimimi-Thema verletzter Eitelkeit.

Der Doppelstandard, der in unserer Gesellschaft besteht, besteht darin, dass Männer einen Glöckchenfaktor haben, der Frauen absolut unzugänglich bleibt: Sie sind Männer. Damit haben sie viel Aufmerksamkeit auf sicher – und im Gegensatz zum Faktor Frauenalter legt der Glöckchenfaktor „Mann“ mit dem Alter an Bedeutung zu. Dennoch bin ich überzeugt: Auch Männer, die mit 25 attraktiv waren und mit 50 weniger Clooney-artig gereift, sondern eher etwas aus dem Leim gegangen daherkommen, kennen das Unsichtbarer-werden Phänomen, wenn wohl auch weniger ausgeprägt als Frauen in derselben Situation.

Glöckchenfrauen mutieren so um die 45 Jahre zu nicht-Glöckchenfrauen, ganz so, wie es Susanne Schneider in der Süddeutschen beschreibt. Ich war noch nie eine Glöckchenfrau und kenne dieses Phänomen also nicht aus eigener Erfahrung. Ich musste mir Aufmerksamkeit schon früh erarbeiten und fallweise erkämpfen. Das hat mich vermutlich etwas forsch gemacht – womit ich alles in allem aber gar nicht so schlecht fahre.  Das Leben als nicht-Glöckchenfrau hat seine Vorteile: Unterm Radar lässt es sich weit ungenierter alle möglichen Regeln verletzten. Und ich habe gelernt, mir Gehör zu verschaffen. Beides muss ich für meine angestrebte Zukunft als wilde Alte nicht mehr üben – ich kann’s ja schon.

(Disclaimer: Ich habe nichts gegen Glöckchenfrauen. Aber ich habe sehr viel gegen eine Gesellschaft mit Doppelstandards. Es ist traurig, wie treffend Susan Sontags Aufsatz nach fast 50 Jahren immer noch ist! Lesen!)

Halbzeit bei „Seitentriebe“ und ein enttäuschter Fan

Ich bin ja vor Kurzem in der zweiten Hälfte meines ersten Jahrhunderts angelangt und habe daher beschlossen, dass ich das mit der midlifecrisis hinter mir gelassen habe. Mein neues Lebensziel: Eine wilde Alte werden. Da ich mich noch nicht so alt fühle, wie ich bin, habe ich dafür noch lange Zeit, aber mit der Vorbereitung fange ich schon mal an – und dazu gehört, dass die Darstellung alter Frauen in Medien und Öffentlichkeit ein Thema geworden ist, das meine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen beginnt.

Als grosser Güzin-Kar-Fan habe ich mich auf ihre Serie „Seitentriebe“ gefreut. Und ich habe mich ausserordentlich gefreut, dass mit Clara eine wilde Alte eine Rolle spielt. Gut, sie ist jetzt nicht unbedingt in jeder Hinsicht ein taugliches Vorbild. Aber im Fernsehen eine Frau zu zeigen, kurz vor der Pensionierung, die gut aussieht, lebenslustig ist, und ihren Freundinnen mittels einer reichlich feuchten Papaya (Schmatzgeräusche!) erklärt, wie frau erfolgreich masturbiert – das hat schon Stil und Seltenheitswert.

Clara verwöhnt eine Papaya

Aber Clara begnügt sich nicht mit Fruchtsalat, sie steht auf junge Männer. Auf sehr viele junge Männer. Und ihr braver Mann weiss nichts davon…

Und dann hat mich „Seitentriebe“ sehr, sehr enttäuscht. Wie kann man bloss! Auf Claras Fehlverhalten steht: Die Todesstrafe. Zum Ende der 3. von 8 Folgen wird sie aus der Serie mittels eines Autounfalls rausgeschrieben. Fertig lustig mit der unartigen Alten.

Auf Twitter schrieb Güzin Kar nach der No-Billag-Abstimmung: „Liebe #NoBillag-Anhänger. Ihr könnt jetzt aufhören, unter jedes Interview mit mir und jede Rezension unserer Serie „Für so einen Mist muss ich Billag bezahlen“ zu schreiben, sondern wieder zu den normalen frauenfeindlichen Sprüchen übergehen.“ So schreibe ich zur Abwechslung: Alte unartige Frauen mit der Todesstrafe zu belegen ist auch nicht gerade frauenfreundlich! Das ist altweiberfeindlich!

(Aber sonst finde ich die Serie lustig, und ziemlich gemein, weil ziemlich treffend, im Fall.)

(Disclaimer: Dieser Text ist eine Polemik und hat einen sarkastischen Unterton – falls das nicht für alle LeserInnen offensichtlich sein sollte.)