2020 gelesen

  • Salman Rushdie: Quichotte. // Pinocchio meets Sancho Panza in the USA of today, mit Oxy im Gepäck. Irgendwie ein bisschen viel reingepackt – am Schluss eine hübsche Pointe, aber dazwischen wäre manchmal weniger Botschaft mehr gewesen.
  • Dietmar Dath: Niegeschichte. // Eine kulturtheoretische (marxistische) Auseinandersetzung mit der Science-Fiction-Geschichte, die eine einleuchtende Erklärung dafür liefert, warum sich Dystopie für SF gut eignet. [(noch) nicht ganz gelesen – ist ein dichter, theoretischer, dichter Wälzer…]
  • Saša Stanišić: Vor dem Fest. // Landleben! So geht Landleben. Schön und furchtbar zugleich.
  • Nele Pollatschek: Dear Oxbridge. Liebesbrief an England. // EinInsiderbericht aus der britischen Kaderschmiede – liebevoll mit dem, was bestenfalls sein könnte, gnadenlos mit dem, was leider ist. Das mit der Vorliebe für rote Hosen war mir neu – es lohnt sich, lookatmyfuckingredtrousers zu googeln…
  • Juan Moreno: Tausend Zeilen Lüge. Das System Relotius und der deutsche Journalismus. // Selten ein spannenderes Buch gelesen!
  • Jeanette Winterson: Frankissstein. // Erstes Buch der #staythefuckhome-Zeit. Schräg.
  • Siri Hustved: Die gleissende Welt. // Durch die baukastenartige Erzählweise nähert man sich der Hauptfigur von verschiedensten Seiten her an – und bekommt sie genau dadurch je länger, desto weniger zu fassen. Und für den Hinweis auf Margaret Cavendish bin ich diesem Roman sehr dankbar!
  • Albertine Sarazzin: Astragalus. // Eine Flucht- und Aussenseiterinnengeschichte, Einblick in eine Welt, die mir sehr fremd ist in einer ganz eigenen, eindringlichen Sprache, die ganz nah und trotzdem distanziert ist.
  • Lukas Lindner: Der Letzte meiner Art. // Der letzte Sprosses der Familie von Ärmel ist ein Karikatur auf zwei Beinen, die Erzählung über ihn, so hat es der Autor in einem Interview zu Protokoll gegeben, „endlich mal kein Buch zur Debatte (..). Zu gar keiner. Mit diesem Buch kann man nirgendwo mitreden oder an Partys auftrumpfen. Nein.“, und genau darum genau jetzt wohltuend lesenswert.
  • Andreas Neeser: Alpenfisch. // Eine zermürbende Liebe, ein schlingerndes Hin und her, aus dem sich keine richtige Geschichte entfalten will.
  • Kurt Vonneguth: Hundertdollarküsse. // Geschichten ohne richtige Pointe und gerade dadurch packend – wie wenn man dabei gewesen wäre. Vonnegutz kann sich sehr, sehr eigenartige Menschen ausdenken.
  • James Gordon Farrell: Troubles. // Viel gelernt über Irland. Ein Buch, das Geduld braucht (und einüben hilft): Ausharren mit einem Gast, der vermutlich auch nicht recht weiss, warum er noch da ist, in einem Hotel, bis es und Irland nicht mehr sind.
  • Semi Eschamp: Mein Vorbar ist auch mein Nachbar. // Ist vielleicht eine etwas eigenartige Zeit, um über Endlichkeit des menschlichen Lebens nachzudenken. Zum Glück ist dieses Buch (zu dem auch noch ein Film gehört) sehr absurd, so ist das nicht so SCHWER.
  • Kristina Gehrmann nach dem Roman von Upton Sinclair: Der Dschungel. // Grafik-Novel-Adaptation des Romans über die Zustände in den Chicagoer Schlachthöfen Anfangs des 20. Jahrhunderts. Wieder traurig aktuell – die grundsätzlichen Mechanismen sind immer noch ähnlich.
  • Tanya Tagaq: Eisfuchs. // Mystisch und brutal. Und sehr, sehr fremd.
  • Bram Stoker: Der Zorn des Meeres. // Schmugglerdrama mit einer entschlossenen jungen Frau im Zentrum.
  • Reisen des Ritters John Mandeville Vom heiligen Land ins ferne Asien 1322 – 1356 // Ein inzwischen als Kompilation entlarvter Reisebericht, der das damalige Wissen über die Welt zusammenstellt und damit zu einem der ersten europäischen „bestseller“ wurde – streckenweise macht es den Eindruck, die „die Evidenz zur Bibel“ liefern zu wollen, je weiter in den Osten man kommt, desto skurriler und pikanter werden die beschriebenen Orte und Gesellschaften.
  • Mariana Leky: Was man von hier aus sehen kann. // Ziemlich zen, ziemlich „härzig“.  Die Protagonist.innnen sind sehr bei sich, sehr unterschiedlich und halten sehr zusammen.
  • Paula Irmschler: Superbusen. // Polit-Feminismus-Ost-Popliteratur und sogar noch etwas body positivity dabei; durchaus amüsant, aber zum Ende hin etwas gar viel „Freundinnen-sind-meine-Rettung-Kitsch“.
  • Plinio Martini: Nicht Anfang und nicht Ende. // Eine Geschichte aus Cavergno, dem Val Bavono und Amerika über die Armut im Tessin und das Auswandern. Gelesen in Cavergno.
  • Matteo Terzaghi: Die Erde und ihr Trabant. // Der  Schweizer Buchpreisgewinner von 2014, als „neuer Robert Walser“ gelobt. Mir erschliessen sich diese Kürzest-Geschichten nicht – sie haben weder eine Pointe noch keine Pointe.
  • Olivia Wenzel: 1000 Serpentinen Angst. // Sprachlich spannend, inhaltlich berührend. So einfach ist das nämlich nicht mit der Identität.
  • Leonora Carrington: Das Hörrohr. // Surrealistisch, wild, eigensinnig; mit einer hochbetagten und höchst abenteuerlustigen Hautpfigur – eine Wucht!
  • Rolf Lappert: Leben ist ein unregelmässiges Verb. // Alles Anfänger, die vielen Rezensent.innen, die schreiben, der Umfang sei eine Zumutung! 992 Seiten sind doch nicht viel! Vor allem nicht für eine interessante und sehr packend erzählte Geschichte.
  • Erwin Jakob Schatzmann: Unverblümt. Aphoristische Denkprosa. // Einblick in das wunderliche und engagierte Denkuniversum des Winterthurer Bildhauers, Lebenskünstlers und Originals Erwin Schatzmann, in dessen Morgenland Off Space ich diesen September zu Gast sein durfte.
  • Dorothee Elmiger: Aus der Zuckerfabrik. // Nein. Einfach nein. Langweilig, selbstzentriert, selbstdarstellerisch, unordentlich.
  • Olga Tokarczuk: Die grünen Kinder. Bizarre Geschichten. // Statt des dicken Wälzers „Jakobsbücher“ wagte ich mich zum Einstieg an einen Erzählband. Geschichten, die einem beim Lesen immer wieder entgleiten. Verwirrend und faszinierend.
  • Jonas Eika: Nach der Sonne. // Fünf – oder vielmehr vier  Erzählungen des Shootings Stars der dänischen Literatur, etwas vom Eigenwilligsten, das ich bisher gelesen habe.
  • Pedro Lenz: Primitvo. // Lenz hat das Talent, scheinbar banale Sätze wie tiefe Weisheiten klingen zu lassen.
  • Lutz Seiler: Stern 111. // Nicht fertig gelesen. Bedient etwas zu sehr meine nostalgischen Erwartungen.
  • Marc-Uwe Kling: Qualityland 2.0. (gehört). // sequels sind selten gut. Aber es gibt Ausnahmen. Dies hier ist eine. Das Buch ist nicht nur lustig, sondern auch unheimlich. Und die Website zum Buch ist auch gut.
  • Anna Ospelt: Wurzelstudien. // Recherchebricht zu einem Baum, einem Verleger und beider Wurzeln. Interessantes Experiment, aber nichts was mir bleibt. Sind literarische über-Rechercheberichte grad Mode? Seltsam.
  • Quentin Mouron: Vesoul, 7. Januar // Blind-fasziniert von einem Startup-Kusthochschul-Wirtschaft-Kongressreisenden taumelt der Erzähler duch eine alptraumhafte Veranstaltungwelt, bis die Realität einbricht, die der Picaro aber geschmeidig und zu seinem Vorteil in sein nach allen Seiten offenes Weltbild einzubauen versteht.
  • Karosh Taha: Im Bauch der Königin. // Ein Buch wie ein 3D-Bild: Zwei leicht verschobene Erzählungen aus zwei Perspektiven um eine Hautpfigur, die sich nicht so verhält, wie ihre Umgebung für angemessen hält. Übereinandergelegt geben sie ein plastisches Bild der Lebenswelt von 18jährigen, gut ausgebildeten kurdischstämmigen Migrant.innenkindern im Ruhrgebiet.
  • Clemens J. Setz: Die Bienen und das Unsichtbare. // Lesend Setz dabei begleiten, wie er sich von verschiedenen Plansprachen faszinieren lässt. Und ich möchte jetzt gern Esperanto lernen, bitte. Aber: Kverko heisst NICHT Birke, Herr Setz!
  • Auf dem Nachttisch: Eugène Sue: Die Geheimnisse von Paris. // Der wohl erfolgreichste Feuilleton-Fortsetzungsroman überhaupt, und mit über 1500 Seiten ein Langzeitprojekt.