Dystopien lesen (oder auch nicht)

Ich hatte immer schon einen Hang zu Science Fiction, seit Max Kruses „Urmel fliegt ins All“, und Sience Fiction ist praktisch durchwegs dystopisch (auch die Urmel-Geschichte hat zumindest dystopische Elemente).

(Warum eigentlich? Hat mir jemand Tipps für nicht-dystopische Science Fiction? Ausser Becky Chambers, deren Wayfarer-Geschichten erstaunlich un-dystopische Seiten haben, kenne ich kaum etwas. Und nur weil etwas lustig ist, heisst es nicht, dass es sich nicht um eine Dystopie handelt – wie z.B. der Hitchhiker’s Guide to the Galaxy .)

Aber in letzter Zeit ist mir die Lust am Dystopien lesen vergangen. Die Zeitung reicht eigentlich. Und dennoch habe ich das Bedürfnis, mich auch mit Geschichten mit der Gegenwart und möglichen Zukunften auseinanderzusetzen – darum habe ich dieses Jahr Romane gelesen wie z. B. „Die Mauer“ (John Lanchester), „Maschinen wie ich“ (Ian McEwan), Brave new world (Aldous Huxley), und – natürlich! – den grossartigen Roman „GRM Brainfuck“ von Sibylle Berg.

Heute in der Lieblingsbuchhandlung jedoch habe ich „Schönes Neues England“ von Sam Byers wieder ins Regal zurückgestellt. Die Sunday Times verspricht, es sei  „ein genialer Roman über den Onlineausverkauf der Seelen“, und der Verlag beschreibt die Geschichte als eine Auseinandersetzung mit „einer ach so schönen neuen Welt: Wie wollen wir wohnen und arbeiten? (…) das Panorama einer Gesellschaft nach dem Brexit, deren Verwerfungen auch die persönlichsten Beziehungen erschüttern.“

Es wurde mir auf einmal zu viel. Ich will unsere schreckliche Gegenwart und Zukunft nicht unbedingt ständig als Thema meiner Lektüre. Als Realität, in der die erzählten Geschichten spielen, jedoch schon. Aber ich muss nicht erst eine Geschichte lesen,  um zu glauben, dass es um unsere Zukunft düster bestellt ist, das glaube ich auch so – ich möchte lieber mehr Geschichten lesen, die Ideen entwerfen, wie menschliches Leben in dieser Zukunft aussehen könnte.

Ich habe dann „Duffy“ von Dan Kavanagh gekauft. Ein rabenschwarzer 80er-Jahre-Krimi. Zur Zeit ist mir schreckliche Vergangenheit lieber als schreckliche Zukunft.