Das generische Maskulinum gibt es nicht mehr

rotto
Das generische Maskulinum ist kaputt

Am 31. März erschien in der NZZ der differenzierteste Artikel zum Thema geschlechtergerechte Sprache, den ich seit langer Zeit gelesen habe *). Der Stuttgarter Sprachphilosoph Philipp Hübl legt darin dar, wie Sprache, Genus, Gender und Geschlecht zusammenhängen, warum der Kampf ums Binnen-I und Gender-Sternchen zum Stellvertretergefecht verkommen kann und warum sie dennoch eine wichtige Rolle spielen. Ich bin in einem zentralen Punkt nicht seiner Meinung – komme aber zu derselben, eher unaufgeregten Schlussfolgerung: Das Binnen-I ist zwar eine ästhetische Zumutung, aber durchaus zumutbar. Es ist wichtig, weil es als Stoppschild funktioniert und uns unsere Rollenbilder bewusst macht. Es erinnert an ein unvollendetes Projekt: die Gleichstellung von Frau und Mann.

Das generische Maskulinum gibt es nicht mehr

In einem zentralen Punkt bin ich nicht Hübls Ansicht: In seinen Überlegungen zum generischen Maskulinum. Die deutsche Sprache kennt das sogenannte «generische Maskulinum». Im Deutschen haben biologisches und grammatisches Geschlecht nicht immer etwas miteinander zu tun. Hübl führt aus, dass nicht die Wörter, nicht das grammatische Geschlecht der Wörter, das Problem sind, sondern die Konzepte dahinter. Es liegt nicht am grammatisch maskulinen Wort, dass man bei «einem Saal voller Physiker» zunächst nur an Männer denkt, sondern an unseren stereotypen Rollenbildern. Wäre das grammatische Geschlecht so stark, würde man bei Koryphäen, Kapazitäten oder «Lichtgestalten der Festkörperphysik» an Frauen denken. Tut man aber nicht.

Was Personenbezeichnungen angeht, greifen Hübls Überlegungen jedoch zu kurz. Dies möchte ich mit einem Griff in die Erinnerungen-Kiste verdeutlichen:

1990, dem ersten Jahr nach der «Herstellung der Einheit Deutschlands», lebte ich im Osten Berlins und verkehrte dort in feministischen Kreisen. Wir hatten oft Diskussionen um Sprache und Gleichstellung. Die ostdeutschen Feministinnen ärgerten sich sehr über das grosse I, das nun aus dem Westen nach Osten drängte, denn ihrer Ansicht nach machte es die Sprache kaputt, die bis dato sehr gut und geschlechtergerecht funktioniert hätte: Sie versicherten mir, dass in der DDR jeder (nicht: jede und jeder!) an Männer UND Frauen dachte, wenn von «Mechaniker», «Lehrer», «Ingenieur» die Rede war. Frauen sprachen auch selber über sich mit generischem Maskulinum: «Ich bin Ingenieur» war ein Satz, den eine Frau sagen konnte, ohne dass er als irgendwie falsch empfunden wurde. Und nun passierte Folgendes: Frauen bekamen neu die weibliche Form – und der «Normalfall» wandelte sich vom generischen zur Form für Männer – Normalfall Mann, Sonderform Frau. Also: Das generische Maskulinum wurde praktisch abgeschafft, die Frauen wurden zwar sprachlich sichtbarer, aber nur als Sonderfall. Aus dem Normalfall wurden sie verdrängt.

(Übrigens: So ähnlich ist es im englischen Sprachraum, der kein generisches Maskulinum kennt, den weiblichen DJs ergangen, mit der Einführung der Bezeichnung SHE-DJ oder DJane. Männer heissen DJs (=Normalfall) und nicht HE-DJ.).

Sprache ändert sich mit den Menschen, die sie benützen. Und sobald sich ein grosser Teil der Frauen mit «Arzt», «Lehrer»,  «Bürger» nicht mehr mitgemeint fühlt, und sobald eine Mehrheit – oder auch nur eine grosse Minderheit – es als grammatisch falsch empfindet, wenn eine Frau von sich sagt, «ich bin Lehrer», ist das generische Maskulinum Geschichte. Und das ist nun mal passiert…

Prägt Sprache das Bewusstsein?
Wenn man davon ausgeht, dass Sprache unser Bewusstsein prägt, kann der Kampf für geschlechtergerechte Sprache schon mal heftig werden. Via Sprachveränderung könnte man dann die Welt verändern. Für so mächtig halte ich die Sprache nicht, jedenfalls nicht auf der Ebene der Grammatik.

Natürlich ist es wichtig, sorgfältig mit Sprache umzugehen. Und wenn sich die Sprache so verändert hat, dass es für Personenbezeichnungen das generische Maskulinum nicht mehr gibt, weil es durch eine Bedeutungsverschiebung faktisch abgeschafft worden ist, ist es einfach nur richtig (und ganz nebenbei: auch nur anständig), es nicht mehr zu verwenden!

Dennoch: Die Veränderung der Stereotypen und Zuschreibungen ist viel, viel wichtiger. Diese Stereotypen werden durch andere sprachliche Formen sehr viel stärker zementiert als durch die Grammatik: Durch Metaphern oder stereotypische Verwendung von Adjektiven beispielsweise.

Der Kampf um die Wortendungen darf nicht davon ablenken, dass die wirkliche Arbeit anderswo zu tun bleibt. Er darf nicht zu einem Stellvertretergefecht werden, der unsere Energie und Aufmerksamkeit absorbiert – und dass Binnen-I darf nicht zu einem Beruhigungsmittel werden: Auch geschlechtergerecht formulierte Texte können vor Sexismus triefen!

In dem Sinne: Braucht das hässliche grosse I ! Braucht es als Störfaktor, der an das Projekt «Gleichstellung» erinnert. Braucht es, weil es nicht zu brauchen auch keine Lösung ist. Aber bildet euch nicht ein, es wäre die Lösung ….

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*) Kleiner Kalauer zum Wochenende: Normalerweise scheue ich davor zurück, das NZZ-Feuilleton zu lesen.

Ein Gedanke zu „Das generische Maskulinum gibt es nicht mehr“

  1. Habe gerade diesen Beitrag nochmals gelesen. Ich stimme dem weitestgehend zu.

    Erst dann wenn ein kleines Kind hingefallen war und sich nicht weiter verletzte aber alle (oder zumindest die Bezugsperson) rundherum erschrocken reagieren, wird es beginnen zu weinen.

    Erst wenn etwas besonderes daraus gemacht wird ist es besonders, ansonsten wäre es „normal“.

    Ich arbeite bereits seit Jahren in Bereichen mit hohem Frauenanteil. Dort war es ganz normal zB Bäcker zu sagen, und es war durchgehend klar, dass ausschließlich die Tätigkeit als solches unabhängig vom Geschlecht gemeint war. Dennoch war zumeist ich für die Werkzeugkiste verantwortlich wenn notwendig. aber nur weil ich derjenige mit mehr Erfahrung in diesem Bereich war. anderenfalls hätte es halt eine Kollegin gemacht. Als dann das Binnen-I oder das JedeR aufgrund Gendervorschriften immer häufiger genutzt wurde, kam das große Gemecker eher aus der femininen Ecke ….

    Gegenwärtig bin auch ich der Ansicht, dass das Binnen-I notwendig ist, um in breiten Schichten ein Bewußtsein zu entwickeln. Bezüglich der „Verschandelung“ von Sprache und Schrift muss ich anmerken, dass unsere Sprache derzeit eine andere ist, als sie vor 200 Jahren war und in 100 Jahren sein wird. Auch haben die letzten sogenannten Reformen der Rechtschreibung auch zu Veränderung mehr beigetragen, als dies ein „I“ könnte.

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