Alte Bücher lesen: Victor Hugo, Die Arbeiter des Meeres

Ich lese nicht nur Neuerscheinungen, sondern regelmässig auch Bücher, die schon etwas älter, gern auch mehrere hundert Jahre alt sind. Wenn man Abenteuergeschichten gerne mag, hat man auch gar keine andere Wahl.

Von den alten Büchern kommt man fast nur an die heran, die sich „bewährt“ haben, die Eintagsfliegen sind, anders als bei Neuerscheinungen, schon aussortiert. Innerhalb dieser Vorsortierung gibt es aber immer noch viele Entdeckungen zu machen, die alles andere als langweilige Klassiker sind. Und manchmal liegen die Entdeckungen unmittelbar neben den bekannten Klassikern.

Victor Hugo hat sehr viel geschrieben, darunter zwei sehr bekannte Romane: Notre-Dame von Paris (der mit dem Glöckner) und Les Misérables. Weniger bekannt ist, das beide Romane Teil einer Trilogie sind, die die Themen Religion, Gesellschaft und Natur behandeln, denn diese sind „die drei Mächte, mit denen der Mensch zu ringen hat und die zugleich auch seine drei Notwendigkeiten bedeuten“, wie im Vorwort zu „Die Arbeiter des Meeres“, dem dritten Roman der Trilogie, steht.

„Die Arbeiter des Meeres“ ist der erste Roman von Hugo, den ich gelesen habe.  (Ich hab’s ja nicht so mit dem Naheliegenden.) Er erzählt die Geschichte des Revolutionsflüchtlingskindes Gilliat, eines Fischers aus Guernsey, der in einem heroisch-herkulischen Kraftakt den Motor aus einem schiffbrüchig gewordenen Dampfschiff rettet und einem noch heroischeren Akt auf die versprochene Ehe mit der entzückenden Tochter des Schiffseigners verzichtet.

Der Roman ist kürzlich im Mare-Verlag in einer sehr schönen Ausgabe neu verlegt worden und ist, wenn man das Meer liebt und grosszügig über Hugos inzwischen etwas überholtes Frauenbild hinwegsieht (es kommen zum Glück kaum Frauen vor!), ein grosser Lesegenuss. Man taucht ein in  die seitenlangen Schilderungen der Stürme, der Höhlen – über Seiten hinweg auf eine Art beschrieben, dass man beim Lesen nachvollziehen kann, wie sich die Augen langsam an die Dunkelheit gewöhnen -, der inneren Verfassung des mit der Natur ringenden Gilliat. Die Sprache versucht das klippenreiche Meer vor Guernsey darzustellen, ist mal abgehackt in ganz kurzen Sätzen, mal langsam und ruhig, mal schnell und wild.

Und, ganz nebenbei, habe ich gelernt, dass Jacques Cousteaus ikonische rote Wollmütze ein traditionelles Kleidungsstück ist. Eine solche gehörte nämlich schon zu Hugos Zeiten zur Seemannskleidung: „Gilliat trug seine Seemannskleider: Wollhemd und Wollstrümpfe, genagelte Schuhe, Strickjacke, Hosen aus dickem Filzstoff und eine rote Wollmütze auf dem Kopf, die bei den Seeleuten gebräuchlich war und zur damaligen Zeit galérienne („Frau des Galeerensträflings“) hiess.“ (S. 256).

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